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Rezensionen
> Bottini, Oliver: Im Auftrag der Väter

Wenn aus Opfern Täter werden
oder Oliver Bottinis neuer Roman verortet Freiburg endgültig in Europa

Die Freiburger Familie Niemann steht kurz vor dem Auseinanderbrechen. Vater und Mutter leben in verschiedenen Welten, die beiden fast erwachsenen Kinder leiden darunter, wissen aber auch keinen Ausweg. Da bemerkt man eines nebligen Abends plötzlich einen geheimnisvollen Mann im Garten des Grundstücks. Kurze Zeit später dringt der sogar ins Haus ein, bewegt sich selbstsicher durch alle Räume und fordert das Anwesen binnen sieben Tagen für sich selbst. Er spricht gebrochen Deutsch, hat anscheinend vor nichts und niemand Angst. Doch noch bevor das Ultimatum endet, sind zwei Familienmitglieder tot.

Wer die ersten beiden Romane des Münchner Autors Oliver Bottini gelesen hat, kennt dessen Vorliebe für Expositionen, die aus dem Rahmen fallen. So auch in seinem dritten Roman, der eine Geschichte erzählt, die in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ihren Ausgang nimmt, durch zwei Kriege führt, Flucht und Vertreibung thematisiert und dem Schicksal der so genannten Donauschwaben nachgeht, die einst - unter Kaiserin Maria Theresia - im heutigen Kroatien angesiedelt wurden, um in der Folge nirgendwo heimisch zu werden. Deren Nachkommen man schließlich, nachdem sie in Deutschland Zuflucht gesucht hatten vor den kriegerischen Wirren auf dem Balkan nach 1991, Ende der 90er Jahre einfach wieder zurückschickte, weil die Gesetze das so verlangten. Zurückschickte in eine äußerst ungewisse Zukunft. 

"Im Auftrag der Väter" parallelisiert zwei Familiendramen. Das der Lončars in Ex-Jugoslawien und das der Niemanns in Deutschland. Letztere leben ein scheinbar privilegiertes Leben abseits der großen Dramen ihrer Zeit. Man geht seiner Arbeit nach und glaubt, sich nicht zu verstricken in Ereignisse, die auf demselben Kontinent, nur ein paar Hundert Kilometer südöstlicher Tausende von Toten fordern. Aber auch ein völlig unbedeutendes Rädchen im bundesdeutschen Bürokratiegetriebe wie Paul Niemann vermag mittels eines Federstrichs Schicksale zu entscheiden. Schicksale, die einen Rachefeldzug auslösen, der einen fernen Krieg mitten hinein in den Breisgau trägt.

Bottinis Personal schleppt traditionell schwer an seinen psychischen Bürden. Und die Last wird von Roman zu Roman schwerer. Wie brüchig die Welt seiner Kommissarin Boní ist, zeigt das neue Buch schon dadurch, dass es sie in überdeutlicher Symbolik auf einer Baustelle wohnen lässt. Und umgeben ist sie von Personen, die nicht perfekt sind, sondern an je eigenen Defekten laborieren. Manche sind für den Fortgang der Handlung nicht eben dringend notwendig, andere dem Leser altvertraut. Und wer nicht damit zurechtkommt, dass Bottinis Romanwelt so geschlossen ist, dass der Autor es nicht für nötig befindet, an Erinnerungen seiner Figuren, die sich auf Geschehnisse der ersten beiden Bücher beziehen, komplizierte Erläuterungen und Rückblenden zu hängen, der sollte sich nicht entmutigen lassen, denn: Im wirklichen Leben bekommen wir ja auch nicht mit einer neuen Bekanntschaft jedes Mal gleich deren ganze Vorgeschichte geliefert.

Die historischen Hintergründe, die Bottini zu bedenken und für seine Leser begreifbar in den Roman einzubauen hatte, machen diesen hin und wieder etwas faktenlastig. Das ist freilich nicht zu vermeiden, will man die Zusammenhänge, die aus mehr als einem halben Jahrhundert europäischer Geschichte - vor allem der verworrenen Historie des Balkans - resultieren, wirklich begreifen. Der Roman - und das ist sicher sein größter Verdienst - legt darüber hinaus aber eindringlich nahe, dass alle Dinge, die sich heute im Norden, Süden, Osten und Westen Europas abspielen, direkt neben unserer Haustür wie meilenweit entfernt davon, miteinander zusammenhängen, geschichtlich ebenso wie menschlich.

Niemand kann in Freiburg auf sein kleines Glück pochen, wenn in Osijek noch immer Hass aufflammt. Sich zu den Opfern zu zählen und die Täter anzuklagen ist schwierig geworden,  wo es nur einer Unterschrift bedarf, um fern des Tatortes selbst zum Mittäter an einem Unrecht zu werden. Im scheinbar Fremden das Eigene zu suchen und im Eigenen das Fremde zu akzeptieren könnte ein erster Schritt sein zu mehr Verantwortung in einer Welt, in der die Dinge auf komplizierte Weise zusammenhängen. Bottinis sperrige Hauptfigur, Louise Boní, geht diesen Weg schon, seit sie der Leser kennt. Es ist kein leichter Weg. Nun aber, am Ende des dritten Bandes, gibt es fast so etwas wie ein Happy End, die zaghafte Andeutung von ein wenig Glück, Glück im Dezember unter einem fremden Himmel, der doch nicht so ganz verschieden vom eigenen ist.

Dietmar Jacobsen

© TourLiteratur / Autor
Alle Rechte vorbehalten

Buchcover: © Scherz Verlag (Fischerverlage), Frankfurt/Main





Das Buch

Oliver Bottini:
Im Auftrag der Väter.
Kriminalroman.
Frankfurt/M.: Scherz Verlag 2007.
ISBN 978-3-502-11009-5
444 Seiten - EURO 14,90

Zum Autor
Oliver Bottini, 1965 in Nürnberg geboren, studierte Neuere deutsche Literatur, Italianistik und Markt- und Werbepsychologie. 2005 und 2007 erhielt er den Deutschen Krimi-Preis (jeweils 3. Platz), 2007 den Krimipreis von Radio Bremen.

Links zum Autor
Homepage von Oliver Bottini
Oliver Bottini bei "Wikipedia"
Porträt bei "Deutschlandradio"

Der Rezensent
Dietmar Jacobsen, geboren 1953, Dr. phil., Literaturkritiker, Lektor, Korrektor, Dozent. Lebt und arbeitet in Erfurt.
Zur Website von Dietmar Jacobson

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