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Rezensionen > Carey, Peter: Mein Leben als Fälschung

Ein "Netz aus Rätseln und Geheimnissen"
Peter Careys Roman "Mein Leben als Fälschung"

Peter Carey: Mein Leben als Fälschung. Roman.
Aus dem Englischen von Regina Rawlinson.
Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2004.
ISBN 3-10-010226-6
286 Seiten, EURO 19,90

"Dichten ist ein Übermut", sagt Goethe in seinem "West-Östlichen Diwan". Auf Peter Carey, den Literaturstar aus Australien mit Wohnsitz in New York, trifft dieser Satz auf ganz besondere Weise zu. Seine Markenzeichen: aufgekratztes, tumultuarisches Erzählen, überbordende Phantasie gepaart mit fiebriger Exotik, virtuoser Umgang mit Stoff und Form. Auch in seinem neuesten Roman erweist sich Carey einmal mehr als meisterhafter Gestalter skurriler Szenen und irrwitziger Situationen. "Mein Leben als Fälschung" heißt das Buch, eine exquisite Mischung aus spannungsgeladener Schauergeschichte und feinsinnigem Bildungsroman - eine eigenwillige Variation des Frankenstein-Motivs und: das wahnwitzige Psychogramm eines gebrochenen Charakters.

Haarsträubend ist es allerdings schon, was der 61-jährige Bestsellerautor seiner Fangemeinde auftischt: Da erfindet ein Dichter einen anderen Dichter, der urplötzlich lebendig wird und seinem Schöpfer an den Kragen will. Eine heimtückische Krankheit rafft den mordlustigen Phantompoeten namens Bob McCorkle dahin, sein Urheber, der fanatische Schöngeist Christopher Chubb, endet als desillusionierter Fahrradmechaniker in den schmutzigen Gassen von Kuala Lumpur in Malaysia. Dort entdeckt ihn Sarah Wode-Douglass, die altjüngferliche Herausgeberin einer englischen Lyrikzeitschrift, die seine Lebensgeschichte und seine Gedichte veröffentlichen will. Als sich der abgetakelte Literat nach langem Zögern dazu bereit erklärt, wird er von seiner Adoptivtochter Tina und deren Stiefmutter zerfleischt.

Was auf den ersten Blick wie ein mittelklassiger Action-Thriller anmutet, offenbart sich rasch als geschickt konstruiertes "Netz aus Rätseln und Geheimnissen", als ein ebenso vertracktes wie intelligentes Konstrukt aus Wahrheit und Imagination. Denn: Nichts ist sicher in diesem Roman. Existiert Bob McCorkle wirklich oder ist er die amorphe Kopfgeburt des kranken und lebensfremden Lyrikers Christopher Chubb? Wurde Chubb tatsächlich von den beiden Frauen ermordet oder von räuberischen Banditen, wie die ominösen Damen behaupten? Diese und eine Reihe weiterer Fragen lässt Carey offen und macht es damit seinen Lesern nicht gerade leicht, sich im Irrgarten seiner erzählerischen Eskapaden zurechtzufinden.

Doch genau darin liegt der Reiz dieses erstaunlichen Buches. Carey spielt mit seinen Protagonisten und seinen Lesern, lässt sie unentwegt durch sein "grausiges Rätsellabyrinth" irren, um sie am Ende mit der Frage allein zu lassen: Steckt die eigentliche Wahrheit nicht doch in den Tiefenschichten der Phantasiewelten, während sich das "wahre" Leben nur als "grindige Oberfläche" entpuppt?
Doch wie heißt es so schön: Gute Bücher werfen Fragen auf, schlechte haben nur Antworten parat. So gesehen ist Peter Carey ein literarisches Husarenstück gelungen, ein außergewöhnliches Buch um das schwierige und immer wieder faszinierende Verhältnis von Dichtung und Wahrheit.

Holger Dauer

© TourLiteratur / Autor
Alle Rechte vorbehalten

Eine leicht gekürzte Fassung der Rezension erschien unter dem Titel "Grausiges Labyrinth der Rätsel" zuerst in der "Allgemeinen Zeitung", Mainz (Nr. 282 vom 2. Dezember 2004, Literaturbeilage).

Buchcover: © S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main

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