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Rezensionen > Dury, Andreas: ... als ich in die Stadt kam

"... als ich in die Stadt kam"
Andreas Durys Erzählsammlung

Andreas Dury: ... als ich in die Stadt kam. Geschichten.
Annweiler: Plöger Medien GmbH 1999
ISBN 3-89857-117-3
144 Seiten
EURO 12,80


Die kurzen Geschichten in Andreas Durys Erzählsammlung "... als ich in die Stadt kam", die 1999 im Plöger-Verlag erschienen sind, wirken wie Spiegel. Sie reflektieren die angsterfüllten Träume der Erzähler und Protagonisten. Ihre abgründigen Ängste manifestieren sich in surrealen Bildern von deformierten Leibern, unmotivierter Gewalt und Tod. So wimmelt es denn von abgetrennten Fingerkuppen, Armen, Beinen und Köpfen - etwa in der Erzählung "Der Torso", einem Panoptikum zerstörter Körper. Beispiele unmotivierter Gewalt finden sich am Anfang der Erzählung "Besuch auf dem Land", wo ohne ersichtlichen Grund deren Held Gelnwein von einer Gruppe von Männern zusammengeschlagen wird, oder in "Zapfer", wo brennende Autos aus einem Flugzeug heraus in die Gärten einer Vorortsiedlung stürzen. Der Tod kehrt immer wieder in der Gestalt von herumliegenden Skeletten, über die der Blick beiläufig hinweg gleitet. Dury erzeugt auf diese Weise eine Furcht einflößende Atmosphäre permanenter Bedrohung.

Die deformierten Körper seiner Protagonisten verweisen auch auf ihre von Angst gepeinigten Seelen. Durys Figuren sind einsam, allein gelassen mit dem Unfassbaren. Ein Keller mit niedriger Decke wird zum Bild für die menschliche Seele, ein Keller, in dem man nur in gebückter Haltung vorwärtskommt, wo allerlei Getier haust, von dem man sich ernährt.

Souverän spielt Dury in seinen Erzählungen mit Raum und Zeit. Mit rasanter Geschwindigkeit und oft unmerklich wechselt er die Schauplätze und Zeitpunkte in einer unzusammenhängenden Folge von Episoden, die sich nur schwer mit dem Begriff 'Handlung' fassen lässt. Viele Erzählungen kommen anfangs in realistischem Gewand daher, ehe sie plötzlich umschlagen in surreale Schreckensbilder. Die Deformation der Körper und der Seelen wird auf diese Weise auch in der Struktur der Erzählungen präsent. Der plötzliche Wechsel von Schauplätzen und Augenblicken birgt vielerlei Überraschungen. Im raschen Wechsel der Perspektiven verliert schon bald auch der Leser den Halt. Ihm ergeht es ähnlich wie den Figuren in den Erzählungen.

Nicht alle Geschichten Durys in "... als ich in die Stadt kam" weisen die intensive Bilderfülle von "Grünmann, das metropolitanische Subjekt", "Der Torso" oder "Zapfer" auf. Aber gerade auf diese Bilderfülle und ihre literarische Inszenierung kommt es in hohem Maße an, will Dury die Ängste seiner Erzähler und seiner Protagonisten zu denen des Lesers machen. Wo dies nicht gelingt, geraten viele Erzählungen zur langweiligen Geisterbahn und ausdruckslosen Artistik. Allerdings ist keine Erzählung in der Sammlung enthalten, die in dieser Weise misslungen wäre. Auch die schwächsten halten ein bestimmtes Niveau der Suggestion.

Die größte Angst ist jedoch bislang unerwähnt geblieben. Sie zieht sich wie ein Leitmotiv durch die gesamte Sammlung. Es ist die Furcht, dass das Glas, in dem sich die Albträume zu reflektieren scheinen, gar kein Spiegel ist, sondern ein Fenster, durch das man hinausschaut in die Wirklichkeit.

Stefan Ringel

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Alle Rechte vorbehalten
Buchcover: © Plöger Medien GmbH, Annweiler

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