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Rezensionen > Goosen, Frank: Pink Moon

Rettende Gegenwärtigkeit
Frank Goosens Roman "Pink Moon"

Frank Goosen: Pink Moon. Roman.
Berlin: Eichborn Berlin Verlag 2005
ISBN 3-8218-0919-1.
304 Seiten.
EURO 19,90


Gut, gelungene erste Sätze sind bestechend. Schon in "Liegen lernen", dem ersten Roman von Frank Goosen, beginnt die Erzählung mit einer lakonischen Schilderung eines ungeschickten Kneipenabgangs, die den Leser für Geschichte und Protagonisten unweigerlich einnimmt. Auch "Pink Moon", nach "Pokorny lacht" Goosens dritter Roman, feuert dem Leser auf der ersten Seite einen Stein ins Brett, als der Ich-Erzähler behauptet, er habe seinen Vater erstmals 19 Jahre nach dessen Tod gesehen.

Doch die Vereinnahmung beginnt schon vorher, vorausgesetzt, man hat den von Moni Port gestalteten Schutzumschlag der Eichborn-Ausgabe nicht entfernt. Denn man nimmt dieses Buch in die Hand, den Daumen auf der Vorder-, die Finger auf der Rückseite, und merkt, dass man kein Buch in der Hand hält, sondern einen Bilderrahmen. Einen alten kleinen Wechselrahmen, den man an die Wand hängen oder aufstellen kann, indem man von der Rückseite einen dafür vorgesehenen Streifen abspreizt. Die Finger streifen über die lederne Rückseite und die drehbaren Klammern, die die Platte im Rahmen halten. Die Vorderseite zeigt aber kein Bild. Es ist nur ein abgenutzter schmaler Holzrahmen mit vergilbtem Passepartout. Das Bild fehlt.

Und das Paradox des ersten Satzes setzt sich im Roman fort, denn er ist voll von Bildern. Stetig und attributreich liefert der Erzähler Bilder dessen, was er wahrnimmt, seines vermeintlich toten Vaters beispielsweise, den er auf der Straße wiederzuerkennen in der Lage ist, weil er durchaus über ein Bild, eine Fotografie, des Abwesenden verfügt. Es sind so viel scharfe und bunte Bilder, so genaue Beschreibungen dessen, was Felix Nowak, Besitzer des gut gehenden Restaurants Pink Moon, sieht und tut, dass der Leser schon im Begriff ist, sich entnervt zu fragen, was denn das solle, warum das so wichtig sei, wo genau im Restaurant was steht, welche Geräusche die Kaffeemaschine macht (allerdings ist Kaffee eine Obsession von Goosen, die sich in allen Romanen andeutet und in Goosens heiterem Lebenslauf unter www.frankgoosen.de Bestätigung findet) oder wie genau der Geschäftsführer, der Felix so gut wie alle Arbeit abnimmt, gekleidet ist. Viel mehr würde doch interessieren, was in Felix vorgeht, wie er sich fühlt. Und vor allem, was passiert ist.

Dass etwas passiert ist, und zwar abgesehen von der geisterhaften und doch realen Begegnung mit einem Mann, der aussieht wie sein Vater, den Felix aber wieder aus den Augen verliert, dass darüber hinaus etwas passiert sein muss, wird an besorgten Fragen von Mitarbeitern und Freunden deutlich. Und langsam wird einem klar, dass dieser Mann sich an die Gegenwart klammert, sich verzweifelt an der Gegenwärtigkeit der Umgebung festhält, um nicht in den Gedanken an das Ereignis und dessen Auswirkungen auf sein Leben oder Selbstbewusstsein unterzugehen. Dennoch bahnt sich in diesen wenigen Wochen, die die Haupthandlung umspannt, die Erinnerung ihren Weg, und allmählich setzt sich Felix' Geschichte zusammen.

Die nicht ganz einfache Jugend mit der alleinerziehenden Mutter und deren wechselnden Partnern. Die Hoffnung des Jungen, sein Vater würde endlich auftauchen und die ungeliebten Stiefväter in ihre Schranken weisen. Die maßlose Enttäuschung, als die Mutter, die er trotz allem sehr verehrt, plötzlich verkündet, der Vater, den Felix nie gesehen hat, sei gestorben. Der folgende Ausbruch, Jahre als Theker in Berlin, unbefriedigende Beziehungen. Die Begegnung mit dem Geschäftspartner und die Eröffnung des "Pink Moon" mit Hilfe eines kleinen Vermögens, das Felix' Mutter aus ihrer zweiten Ehe gerettet hat.

Diese Erinnerungen, ungeordnete Bilder wiederum, lassen den Leser ahnen, was passiert ist. Und sich mehr und mehr fragen, ob die einleitende Begegnung mit dem Vater nicht schlicht eine sehnsüchtige Vision ist, die durch das Ereignis ausgelöst wurde. Felix stellt sich dieser Frage zunächst nicht, verbringt orientierungslose Wochen, sitzt tatenlos in seinem Restaurant, kümmert sich um einen verrückten Nachbarn und lernt eine Frau kennen. Bis er schließlich begreift, dass er in seinem Leben Ordnung schaffen und seinen Vater wiederfinden muss.

Die Romane von Goosen, der seine Karriere als Kabarettist auf Kleinkunstbühnen in Kneipen begann, ähneln sich insofern, als sie alle das Erwachsenwerden erzählen: die Geschichte von Freundschaft und Liebe, von Träumen, Enttäuschungen und Verlusten. In den ersten beiden Büchern war der Komiker neben aller Melancholie und Ernsthaftigkeit noch deutlich zu vernehmen. In der Zwischenzeit könnte man meinen, Goosen habe mehr Zeit damit verbracht, Murakami zu lesen, als Nummern zu schreiben. Das hat sich gelohnt. Da werden schmissige erste Sätze weniger wichtig.

Friderike Beyer

© TourLiteratur / Autorin
Alle Rechte vorbehalten

© Buchcover: Eichborn Verlag, Frankfurt a.M. / Berlin

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