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Rezensionen > Hindersmann, Jost (Hrsg.): Fjorde, Elche, Mörder

Morden im Norden oder
Der skandinavische Kriminalroman von A(mbjørnsen) bis Z(weigbergk)

Jost Hindersmann (Hrsg.): Fjorde, Elche, Mörder. Der skandinavische Kriminalroman.
Wuppertal: NordPark Verlag 2006. (= KrimiKritik. Bd. 6.)
ISBN 978-3-935421-16-4.
318 Seiten.
EURO 22,00

Ohne Zweifel, wir haben es mit einem Boom zu tun. Einer Hausse, die schon eine ganze Weile anhält. Aus Schweden, Dänemark, Norwegen - und neuerdings auch aus Finn- und Island - kommt das Böse auf unseren Buchmarkt. Und nicht nur auf den Buchmarkt. Es wallandert auch auf dem Bildschirm ganz gewaltig. Ja, vielleicht ist Henning Mankell, der geistige Vater des Kommissars Kurt Wallander, gar der aktuelle Auslöser der gewaltigen Invasion von mal mehr, mal weniger gutem Lesestoff, dem wir seit Beginn der 90er Jahre ausgeliefert sind.

Allein wir brauchen nicht zu mutmaßen. Das haben ein paar fleißige Andere schon für uns unternommen - und das Ergebnis ihrer kollektiven Recherche in der Reihe "Krimikritik" des Nordpark Verlags veröffentlicht. Unter der Leitung von Jost Hindersmann, ermutigt von Verleger Alfred Miersch, in dessen Haus vor einem guten Jahr auch das Krimijahrbuch (Nr. 2 für den Jahrgang 2007 ist bereits annonciert) wiedergeboren wurde, ist dabei ein Kompendium entstanden, das eine erste deutschsprachige Gesamtübersicht über die skandinavische Kriminalliteratur versucht. Beteiligt waren 15 Autoren aus sieben Ländern, darunter ausgewiesene Krimikenner ebenso wie Kulturmittler, Literaturkritiker und Übersetzer. Und selbst geschrieben hat der eine oder andere aus dem Team "seinen" Krimi auch schon.

Geballte Kompetenz also, die sich ihren Stoff in drei Sinn machende Portionen eingeteilt hat. Es beginnt - unter der Überschrift "Die Thesen" - mit dem Warum. Dann folgen die "Tatorte", also das Wo, und schließlich lernen wir - im letzten Drittel des Buches - die "Täter" kennen, wobei hier jene Subjekte gemeint sind, die sich das ausdenken, was uns süchtig und schlaflos macht. Eine Gliederung, die überzeugt und der wir hier deshalb auch folgen wollen. Was also ist es, das den nordischen Kriminalroman so erfolgreich macht? Warum liest man anscheinend lieber von Mord und Totschlag hoch im Norden als tief im Süden? Thomas Wörtche hat schon in seiner Kolumne Crime-Watch (FREITAG 52/ 2006) darauf hingewiesen, dass ihn die Thesen, die Alexandra Hagenguth zur Beantwortung dieser Frage aufstellt (S. 22 ff.), nicht überzeugen. Man sollte der Ehrlichkeit wegen hinzufügen, dass es jene von Tobias Gohlis (S. 11 ff.) ebensowenig tun. Doch vielleicht ist auch nur der erste Teil des Unternehmens etwas zu ambitioniert ausgefallen. Zumal er der kürzeste von den dreien ist und gleichwohl die schwierigsten Probleme zu klären beabsichtigt. Statt erst einmal die Phänomene zu sammeln, einer Ordnung zu unterwerfen und miteinander zu vergleichen, soll sofort zu des Pudels Kern vorgedrungen werden. Doch der entzieht sich beiden Untersuchungen, so eifrig sie sich auch bemühen. Weicht zurück bei jedem Schritt, den sie auf ihn zutun. Gibt nicht preis, was er preisgeben soll - und wenn, dann höchstens unter Verzicht auf die Präzision der getroffenen Aussagen. So kommt Gohlis dem Ganzen vielleicht noch am nächsten, wenn er flapsig behauptet, den nordischen Thriller zeichne aus, das er nicht französisch, nicht italienisch, nicht englisch und nicht russisch sei (S.14). Nicht frech und verspielt, nicht surreal, nicht anarchisch, märchenhaft, wunderbar, voller Sex und anspielungsreich. Doch schon in Klammern muss der ZEIT- Kolumnist hinzufügen, dass inwischen - sein Aufsatz entstand bereits 2003 - etliche Autoren, und nicht gerade die schlechtesten, sich zu Ausnahmen von seinen Regeln entwickelt haben.

Was lernen wir daraus? Nur die Fakten zählen! Und die bieten Teil 2 und 3 des Unternehmens in Hülle und Fülle. Zunächst einmal mit einem Überblick über die historische Entwicklung der Detektiv- und Kriminalgeschichte in den einzelnen Nationalliteraturen. Dass es darunter auch eine "Geschichte der finnisch-schwedischen Kriminalliteratur" gibt, erstaunt zunächst, erfährt aber seine historische Begründung darin, dass bis zum Krieg zwischen Russland und Schweden von 1808/09 Schweden und Finnland eine Nation bildeten, allerdings eine mit zwei Sprachen, die zu verschiedenen Sprachfamilien gehören. Noch heute lebt in Finnland eine schwedischsprachige Minderheit von etwa 300.000 Menschen, die auch eine ganz spezifische, schwedisch-finnische Kultur hervorgebracht hat und pflegt. Dass der Ausstoß dieser Szene an Kriminalliteratur "sehr gering" (S. 111) ist, wollen wir Johan Wopenka gerne glauben. Seine kenntnisreichen Bemerkungen allerdings machen neugierig auf die Romane des Journalisten Staffan Bruun oder jene von Marianne Peltomaa, die bis dato noch nicht ins Deutsche übersetzt worden sind.

In den anderen fünf Beiträgen zur Entwicklung des Krimigenres in Skandinavien stoßen wir dann schon eher auf bekannte Namen, mit welchen wir Leseerfahrungen verbinden. Für die, welche erpicht auf Neues sind, ist allerdings vor allem die historische Dimension des Phänomens interessant. Drei der nordischen Nationalliteraturen reichen genrehistorisch bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Zu der Zeit schrieben der Däne Laurids Kruse (1778 - 1839), der Schwede Carl Jonas Almquist (1793 - 1866) und der Norweger Mauritz Christopher Hansen (1794 - 1842) bereits Geschichten, in denen es um Schuld und Sühne ging. In Finnland und Island begann die fiktionale Tätersuche erst knapp 100 Jahre später. Dafür sind in jüngster Zeit Parallelentwicklungen nicht zu übersehen, was aber natürlich auch kein Wunder ist bei der zunehmenden Globalisierung auch des Marktes der Literatur.

So ist der Einfluss des wohl bekanntesten skandinavischen Autorenpaares, der Schweden Maj Sjöwall (geb. 1931) und Per Wahlöö (1926 - 1975), auf die gesamte nordeuropäische Krimiszene in den 60er und 70er Jahren kaum zu unterschätzen. Der durch sie geprägte Polizeiroman, der über die Tätersuche hinaus ein kritisches Bild auf die kapitalistische Gesellschaft warf, soziales Engagement propagierte und scharfe Attacken gegen das Establishment ritt, machte in den 70er Jahren rundum Schule. Ihr vorgefasster Plan, nicht mehr als zehn Romane um ein Stockholmer Ermittlerteam zu schreiben, hat Spätwirkungen bis heute: Auch Nesser und Dahl ließen und lassen ihre Polizisten nicht mehr und nicht weniger als zehn Fälle lösen. Mankell scheint inzwischen zu überlegen, ob er Kurt Wallander anstelle seiner vom Publikum weniger geliebten Tochter Linda nicht auch noch zweimal von der Kette lässt.

Ein Kennzeichen der neueren und neuesten Kriminalliteratur aus dem Norden Europas scheint zu sein, was der Beitrag über die finnische Literatur als den "Aufstieg der Frauen" (S. 180) bezeichnet, jener zur Literatur Norwegens unter dem Schlagwort der "femmes fatales" (S. 143) subsumiert und Johan Wopenkas Einlassungen zur Entwicklung des schwedischen Kriminalgenres in die Worte von der "Rückkehr der Damen" kleiden: Heute lassen vielmals die Vertreterinnen des schönen Geschlechts die Fetzen fliegen. Wer kennt sie nicht - Autorinnen wie Inger Frimansson, Lisa Marklund und Helene Tursten (Schweden), Anne Holt (Norwegen) und Leena Lehtolainen (Finnland). Und die hierzulande weniger bekannten Däninnen Susanne Staun, Ditte Birkemose und Elsebeth Egholm wird man sicher irgendwann kennen lernen dürfen. Sie alle eint der Einbruch in ein männerdominiertes Literaturgebiet, wo sie das traditionelle Rollenverständnis radikal in Frage stellen, ja manchmal sogar umdrehen. Kein Wunder deshalb, dass im dritten Teil des Buches zwei von den sieben genauer vorgestellten VerfasserInnen von moderner Kriminalliteratur Frauen sind. Und wem das ein noch zu geringer Prozentsatz ist, dem sei gesagt, dass drei der sieben Studien von Verfasserinnen stammen. Hier will der Herausgeber dann keinen Fehler mehr machen und setzt ganz auf die aktuellen Stars der Szene: Mankell, Nesser, Marklund, Dahl und Lehtolainen. Aus Island kommt Arnaldur Indridason dazu, den der deutsche Markt erst in letzter Zeit entdeckt hat, aus Dänemark Dan Turèll (1946 - 1993), dessen 12-bändige MORD-Serie in den 80ern erschien.

Bis auf Katrin Jakobsdottirs kleine Studie zum Isländer Indridason, die dessen Werk nicht wirklich erschließt, und Eugen G. Brahms knapp dreieinhalbseitige Einlassungen zum Wassermotiv in den Romanen Håkan Nessers, die mir alles in allem nicht nur zu kurz, sondern auch zu speziell erscheinen, wo es zunächst einmal nur um die Bestandsaufnahme eines Phänomens und die Vorstellung von mit ihm befassten Autoren geht, liegen auf diesen letzten einhundert Seiten des Bandes sowohl brauch- wie auch gut lesbare Texte vor. Sie führen ein in unterschiedlich geartete Romanwelten, geben Auskünfte über die Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sie erfunden haben, versuchen, das je Eigene zu erfassen und abzugrenzen, und machen jene, denen die Begegnung mit den Werken der Damen und Herren aus Nordeuropa noch bevorsteht, unaufdringlich neugierig. Von Nutzen für die etwas erfahreneren Leser dürften auch die den einzelnen Aufsätzen beigegebenen Primär- und Sekundärliteraturlisten einschließlich der Hinweise auf die Internetseiten der Autoren sein, wenngleich letztere in der Mehrzahl der Fälle mehr versprechen, als die bescheidene Machart dann leider hält.

Dietmar Jacobsen

© TourLiteratur / Autor
Alle Rechte vorbehalten

Homepage des Autors Dietmar Jacobsen:
www.text-und-web.de

Buchcover: © NordPark Verlag, Wuppertal

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