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Rezensionen
> Kotte, Henner: Der Tote im Baum

Mordkommission Leipzig zwo zum Dritten
oder Henner Kotte wird von Buch zu Buch besser

Henner Kotte lässt seine Kriminalromane gern auf und am Rande von Straßen beginnen. "Titelhelden" (2006) konfrontierte seine Leser gleich eingangs mit einer spektakulär ausbrennenden Tankstelle und entwickelte daraus seinen spannenden Plot. Diesmal, in Kottes drittem Thriller, gerät ein harmloser Pkw in der gefürchteten Leipziger Kavalierskurve ins Schleudern, schießt über die Fahrbahn hinaus und prallt gegen einen Baum. Was bei dem Aufprall aus dessen Geäst aufs Dach des Wagens fällt, ist kein Ball, wie es zunächst den Anschein hat, sondern ein männlicher Schädel. Kein schöner Anblick. Aber ein effektvoller Beginn allemal.

Freilich liegt der Fall  mit der Leiche im Geäst - der zum Schädel gehörende Körper findet sich, angebunden an den Stamm wie ein Gekreuzigter, der über die berüchtigte Kurve wacht, kurz nach dem Unfall - schon eine Weile zurück, 18 Jahre, um genau zu sein. Wieder aufs Tapet kommt er allein deshalb, weil Hauptkommissar Lars Kohlund eine Beschäftigung für seinen im Rollstuhl sitzenden Mitarbeiter Grischa Mergenthin sucht, der sich unerwartet zum Dienst zurückgemeldet hat. Mergenthin stürzt sich mit Feuereifer in die Sache und hat schon bald eine Theorie, die auf eine richtig heiße Spur führt. Und gemeinsam mit dem abgewickelten Kommissar Queiser, einem Ekelpaket sondergleichen, das in der Begegnung mit dem jungen Schwulen aber eine - fast zu wunderbare - Wandlung vom Saulus zum Paulus durchmacht, löst er schließlich das alte Rätsel. 

Gleichzeitig kümmern sich Kommissarin Agnes Schabowski und ihr von der plötzlichen Zutraulichkeit der bis dato sehr zugeknöpften Kollegin aus dem Westen etwas irritierter Kollege Thorst Schmitt um die Hintergründe für das urplötzliche Verschwinden eines bekannten Leipziger Anwalts. Hat es mit der Schließung eines Textilbetriebs in der Messestadt zu tun, dessen Besitzer der Jurist vor Gericht vertrat? Steckt seine Lebensgefährtin dahinter oder der Kanzleikollege? Schnell finden sich die ermittelnden Kriminalisten in einem Netz aus Intrigen, Eifersüchteleien und menschlichen Schwächen wieder, das aufzulösen Zeit und Geduld fordert. Zuviel Zeit, denn in sparsam in den Text eingestreuten kleinen Kapiteln erfährt der Leser noch vor den Kriminalisten, dass Anwalt Fleischer, eingesperrt im Keller eines zum Abbruch bestimmten Hauses, noch eine Weile lebt.

Henner Kotte erzählt schnell und geradlinig. Er verknüpft geschickt seine beiden parallel laufenden Ermittlungen und hat sein Figurenensemble im Griff und im Übrigen auch so zusammengesetzt, dass er über die agierenden Kriminalisten und deren Biografien noch jede Menge Brisanz jenseits von deren Arbeitsalltag aufbieten kann. Da ist die Westfrau, in den Osten gekommen, um ihre unglückliche Vergangenheit abzuschütteln, aber sie wird nicht heimisch hier und das, was sie vergessen wollte, geht ihr weiter nach. Da ist der abgehalfterte alte Kommissar, dem die Wende den Job gekostet hat und der jetzt voller wütender Ressentiments gegenüber den neuen Herren in seiner Neubauwohnung sitzt. Kohlund, der Chef, hat, wie schon in den ersten Bänden, viel Stress zu Hause. Und Schmitt, der gern Chef geworden wäre und aus dieser Tatsache schon genug Frust bezieht, muss sich außerdem entscheiden, ob er die Maschinen, von denen seine Exfrau seit fast einem Jahr am Leben gehalten wird, gegen den Willen der beiden Töchter abschalten lässt.

Kottes drittes Buch um sein Leipziger Ermittlerteam, dem sich der nach einem Messerangriff an den Rollstuhl gefesselte Grischa Mergenthin wieder zugesellt - Pause hat diesmal die den zweiten Roman mittragende Kriminalistin Franziska Beetz, die der Autor in den Winterurlaub geschickt hat -, überzeugt mit seinem Plot und ist sprachlich weitaus besser als seine beiden Vorgänger. Nur ein paar kleine grammatikalische Unpässlichkeiten und zwei, drei gar zu klischeehafte Dialogpassagen stoßen auf, die man fast geneigt ist zu vergessen bei all der Spannung und Brisanz, die praktisch bis zur letzten Seite durchgehalten werden.

Überraschend und - auch psychologisch - gelungen ist die Auflösung des Falles um den verschwundenen Wirtschaftsjuristen. Und ein besonderes Lob verdient diesmal der Humor, der sich in den ersten beiden Bänden schon andeutete, nun aber zu einem durchgängigen Stilmittel entwickelt wurde. Nehmen wir ihn als Anzeichen gewachsener Souveränität des Autors im Umgang mit seinem Stoff.

Dietmar Jacobsen

© TourLiteratur / Autor
Alle Rechte vorbehalten

Buchcover: © Eulenspiegel Verlagsgruppe, Berlin





Das Buch

Henner Kotte:
Der Tote im Baum.
Kriminalroman.
Berlin: Rotbuch /Eulenspiegel
Verlagsgruppe 2007.
ISBN 978-3-86789-017-5
396 Seiten - EURO 9,90

Zum Autor
Henner Kotte, Jahrgang 1963, studierte Germanistik in Leipzig, Moskau, Stuttgart und Dresden, arbeitet als Schriftsteller, Redakteur und Theaterkritiker.

Links zum Autor
Homepage von Henner Kotte
Knappe Infos bei "Krimi-Couch"
Infos bei "Literatur Leipzig"

Der Rezensent
Dietmar Jacobsen, geboren 1953, Dr. phil., Literaturkritiker, Lektor, Korrektor, Dozent. Lebt und arbeitet in Erfurt.
Zur Website von Dietmar Jacobson

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