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Rezensionen > André Kubiczek: Die Guten und die Bösen

Wider das Müslifressertum
André Kubiczek schreibt über die Mittelmäßigkeit der Neuen Mitte

André Kubiczek: Die Guten und die Bösen. Roman.
Berlin: Rowohlt Berlin Verlag 2003.
ISBN 3-87134-468-0.
320 Seiten.
EURO 18,90

Vorsicht, Leser, dieses Buch ist subversiv! Das geht bei seinem Kauf im Laden schon los. Zieht das Buchhandlungspersonal es arglos über den Scanner, leuchtet ein Preis von zweiunddreißig Euro und neunzig Cent auf. Dabei kostet es in Wahrheit neunzehnachtzig. Wozu wird der Rest benutzt, den diejenigen entrichten, die nicht aufpassen? Zur pekuniären Unterstützung von B.L.O.E.D. (=Berliner Lektionen okkult eklektizistischer Datenverwertung)? Als Spende für die IG FARB/EN (= Informelle Gruppe fundamental anarchistischer Revolutionäre Berlin (Schrägstrich) Elektronische Nomaden)? Oder einfach nur dazu - und da hätten wir wahrlich nichts dagegen -, den 33jährigen Autor dieses herrlich schrägen Berlinromans bei (Schreib-) Laune zu halten?

Fabelmäßig auf den Punkt bringen jedenfalls lässt sich der Text nur schlecht. Wovon wird eigentlich erzählt? Von allem und von nichts. Und zu welchem Ende? Allenfalls zu einem dunklen.

Wo soviel Unbestimmtheit herrscht und es eine ganze Weile - sprich: gut siebzig Seiten - dauert, ehe der Rezipient (Welch Wort für einen Menschen, der nichts weiter tut, als ein Buch lesen und staunen, was für krude Blasen Fantasie zu treiben in der Lage ist!) Linien erkennt, Beziehungen durchschaut, Schicksale in- bzw. gegeneinander laufen sieht, muss schon eingangs die Frage aufs Tapet: Soll man sich das wirklich antun?

Ja, lautet die Antwort, man soll. Denn es ist schlicht unerhört - respektive (un-) erlesen -, was dieser junge Schriftsteller, nachdem er vor knapp einem Jahr mit "Junge Talente" so spektakulär nun wieder auch nicht debütierte, uns nun auftischt. Auf Seite 227 übrigens lässt er eine seiner Romanfiguren über eine Poetik spintisieren, die die eigene recht gelungen paraphrasiert: "Ich notierte für Nadine, dass die vordergründige Handlung von einer zweiten durchkreuzt werden müsse - in Klammern setzte ich dritte, vierte, fünfte usf. -, eine Nebenhandlung, die ich ... subplot nannte ... Ich lieferte auch gleich ein paar Themenbereiche für solche Nebenhandlungen mit: Mythologisches (blutrünstig bis gleichnishaft), Geschichtliches (blutrünstig bis gedenkenfördernd), Kriminalistisches (sehr blutrünstig, neue Umbringmethoden ersinnen!), und vor allem Sexuelles und dabei vor allem: abnorm Sexuelles (Praktiken am Rande des Nervenzusammenbruchs, aber ohne allzu viel Blut) ... Mir schwebte ein Heer von Figuren vor, circa vierzig bis fünfzig, das über die Seiten wimmelte wie Fliegen und so nicht nur den Eindruck von Leben erzeugte, sondern auch von Vielfalt ..."

Man verzeihe das etwas lang geratene Zitat, aber Rezensent hätte es nicht besser sagen können. Damit der Leser das Figurenheer auch immer überblickt, erscheinen dessen wichtigste vierzehn Köpfe dem Text vorangestellt. Anschließend lernen wir sie näher kennen. Börries Freiherr von Stammler etwa, einen resignativ-larmoyanten Soziologen, der eine Wochenzeitung namens Die Zeitgeist regelmässig mit apokalyptischen Betrachtungen zum Leben in Deutschlands Mitte nach der Jahrtausendwende versorgt. Wir nehmen Anteil an den ehelichen Verwirrungen von Dr. Roberto Schwarzkopf und dessen Frau Vanessa, betreten die Hackerszene im Gefolge zweier obskurer Jugendlicher namens Zeus und Zigmund Fraud und begleiten ein terroristisches Stadtguerilla-Kommando aus abgehalfterten Stasi-Chargen, das unter der Abkürzung K.A.H (i. e. Kommando Adolf Hennecke) in den Kampf gegen das System zieht. Als dessen politischer Hauptvertreter erscheint im Buch ein in Ehren ergrauter SPD-Mann, der sich in der Abgeschiedenheit seiner Berliner Wohnung üblen zoophilen Gewohnheiten ergibt, was einen zugeflogenen Wellensittich in den Widerstand treibt und zum Verfassen eines Testamentes anregt, wie es die neuere deutschsprachige Literatur nicht kennt (S. 177 ff.).

Damit aber noch lange nicht genug. Seine Protagonisten unbarmherzig durch- und gegeneinander treibend, sich belauern, hetzen und manchmal sogar lieben lassend, schafft Kubiczek das Panorama einer Gesellschaft, die selbstverliebt um viele kleine Ichs kreist, ohne auch nur ansatzweise noch ein Wir ins Auge zu fassen. So viele Personen das Buch hat, so viele Interessen stehen in ihm auf dem Spiel. Aber nicht eines davon besitzt die Kraft, mehr als ein paar Individuen in seinen Bann zu ziehen. So ist es nicht verwunderlich, dass zwar viele Lebenslinien Schnittpunkte aufweisen, Begegnungen unter dem Strich aber meist folgenlos bleiben, gemeinsame Pläne versanden, große Ziele weder gefasst noch erreicht werden, und auch zwischen den Geschlechtern kaum mehr etwas geht. Es herrscht Hektik und Betriebsamkeit allerwegen in diesem Berlin rund um den Prenzlauer Berg, aber in all dem Gewese entwickelt sich keine Produktivität, sondern höchstens geflissentlicher Aktionismus.

Natürlich - man müsste es gar nicht extra gesagt bekommen - richtet sich der Hauptzorn des Autors - und wir haben es bei ihm mit einem wirklichen angry young man in bester Tradition zu tun - gegen die so genannte Neue Mitte, die eine Zeit lang sämtlichen Fortschritt in der Bundeshauptstadt gepachtet zu haben schien, ehe es in letzter Zeit wieder relativ still um sie wurde. Ihr gehören die meisten von André Kubiczeks Protagonisten an, und jene, die ihr nicht angehören, sind in subversive Kämpfe gegen sie verstrickt. Als "Liga der Mittelmäßigkeit" (S. 27) wird sie beschrieben, die ein "Leben des abgesicherten Geplappers" (S.29) führt, sich gerne mit klingenden Berufsbezeichnungen wie Food-Designer, Casting-Agent oder Event-Manager schmückt, im Grunde aber aus "Lakaien, Dienst-Leister(n), Steigbügelhalter(n)" (S. 211) besteht. Wirklich Wichtiges vermögen diese Figuren nicht auszurichten, dennoch scheint gegen sie kein Kraut gewachsen zu sein. Sie haben alle Institutionen unterwandert, bestimmen die Diskurse, lenken den Staat. Auf aalglatt-verbindliche Art und Weise schlüpfen sie überall durch, und hinter viel leutseligem Optimismus verbergen sie ihre tatsächliche Hohlheit.

Dass von solchen Leuten keine wesentlichen Impulse für das frisch vereinte Deustchland ausgehen werden, ein Deutschland, das sich zur erzählten Zeit gar den Herausforderungen des anbrechenden dritten Jahrtausends zu stellen hat, ahnt der Leser bald. Und so wandern seine Sympathien zu all jenen underdogs, die sich den Strukturen verweigern und konsequent ihre eigenen Wege gehen. Über deren Tun hat der Roman ein breites Gewebe von intertextuellen Verweisen gelegt. Joseph Conrads Herz der Finsternis klingt hier ebenso an wie die Romanwelten Thomas Pynchons oder die Szenerien aus Endzeitfilmen wie Mad Max und Terminator. Man fühlt sich gelegentlich an Musil oder John Irving erinnert, wird in obskure Kneipen geführt, wie sie einst Grass in der Blechtrommel und den Hundejahren beschrieb und begegnet Benn-Gedichten als "alten Schlagern", die Kubiczeks Helden vor sich hinträllern.

Ob aus einem fantasievollen Gegen-Alles-Sein und Alles-anders-Machen aber eine sinnvolle Alternative zum Abgelehnten erwachsen könnte, lässt der Roman im Dunklen. Sein Ende strudelt in seinen Anfang zurück, was erzähltechnisch zweifellos elegant aussieht. Es beginnt auf den letzten Seiten des Romans alles wieder aufs Neue und auf dem selben Niveau. Auf André Kubiczeks nächsten Text gespannt sein darf man deshalb sicher. Denn seine Helden haben eine Sehnsucht, die sich bisher noch nicht erfüllt hat, die aber so stark scheint, dass sie die Suche nach Erfüllung nicht so schnell aufgeben dürften.

Dietmar Jacobsen

© TourLiteratur / Autor
Alle Rechte vorbehalten

Homepage des Autors Dietmar Jacobsen:
www.text-und-web.de

Buchcover: © Rowohlt Berlin Verlag, Berlin

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