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Rezensionen
> Rubenfeld, Jed: Morddeutung

Der Ausflug der Analytiker
oder If you can make it there ... Jed Rubenfelds "Morddeutung"

Im Sommer des Jahres 1909 machte Sigmund Freud seine erste und einzige Reise nach Amerika. An Bord des Dampfers "George Washington" kam er in den Abendstunden des 29. August in New York an. In seiner Begleitung befanden sich seine Adepten C.G.Jung und Sándor Ferenczi. Freud war eingeladen, an der Clark University in Worcester/ Massachusetts eine Vorlesungsreihe zur Psychoanalyse zu halten. Die von ihm begründete tiefenpsychologische Schule war zu der Zeit in den Vereinigten Staaten noch relativ unbekannt. Insofern stellte die Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Clark University an den Wiener Gelehrten einen großen Erfolg dar. Allerdings schien Freud sich darüber nicht recht freuen zu können. In seiner Erinnerung schrumpfte der Trip später ganz und gar zur Horrortour, auf der noch dazu das gute Verhältnis zu seinem Schüler Carl Gustav Jung erste verhängnisvolle Risse bekam, die ein paar Jahre später zur vollkommenen Entzweiung führten. Soweit die Fakten.

Zur selben Zeit tat sich in der aufstrebenden Metropole New York Unheimliches. Offensichtlich ging ein Serienmörder um, der es auf junge Frauen aus den höheren Kreisen abgesehen hatte. Man fand sie, gefesselt und geschändet, ohne dass die Polizei in der Lage gewesen wäre, einen Täter dingfest zu machen. Auch ein plausibles Motiv für die Taten war weit und breit nicht zu entdecken, ja, schlimmer noch: Das erste Opfer verschwand sogar nach einer Nacht aus dem Leichenschauhaus, ohne eine Spur zu hinterlassen, beim zweiten deuteten bestimmte Funde darauf hin, dass es sich die schmerzhaften Verletzungen selbst beigebracht haben könnte. Und die wenigen stichhaltigen Indizien führten zu einem Mann, der ganz oben in der gesellschaftlichen Hierarchie seinen Platz besaß und zum engsten Freundeskreis des New Yorker Bürgermeisters zu zählen war, dessen gerade anlaufender Wahlkampf Skandale nicht vertragen konnte. Soweit die Fiktion.

Jed Rubenfeld, Professor an der renommierten Yale-Universität, ausgewiesener Freud- und Shakespearekenner und im Verfassungsrecht beheimatet, hat beides, Freuds einwöchigen Aufenthalt im Hotel Manhattan vor seiner Weiterreise nach Massachusetts und die nicht  völlig erfundene Mordgeschichte, miteinander verbunden und daraus einen Roman gemacht, der im Herbst 2006 das Lesepublikum in den USA hinriss. Nun gibt es "The interpretation of Murder" auch auf Deutsch und schon im Titel - "Morddeutung" - klingt Freuds epochales Hauptwerk "Die Traumdeutung" an, was dem Ganzen eine diskursive Schwere verleiht, die das Lesen aber keineswegs behindert.

Ganz im Gegenteil: In den Fußstapfen von Kollegen wie Umberto Eco oder Dan Brown zieht Rubenfeld uns in eine Geschichte aus Erfundenem und Überliefertem, die in Atem hält fast bis zur letzten Seite. Dabei schreibt er eindeutig besser als Brown und kann Eco zumindest hin und wieder das Wasser reichen. Dass sein Text gelegentlich in Schwulst und Kitsch abrutscht - "Ihre leicht geschwollenen Lippen bebten. Ihre Haut war wie reine Sahne. Ihr langes Haar funkelte wie ein vom Sonnenlicht vergoldeter Wasserfall." (S. 212) -, wollen wir ihm freundlich nachsehen. Auflagenmillionär Brown ist in puncto "Beschreibung von Geschlechterverhältnissen" noch zehnmal schlimmer!

Als Brücke zwischen der Welt der Fakten und jener der Fiktionen funktioniert übrigens ein gewisser Stratham Younger, Freudjünger und der guten New Yorker Gesellschaft entstammend. Er ist zweifellos der positive Held des Romans, bewandert in den neuen Methoden der Wiener Schule und darauf brennend, sich in Freuds Gegenwart zu beweisen. Das tut er denn am Ende auch, indem er den Kriminalfall, in welchen höchste Gesellschaftskreise verwickelt sind, mit des Meisters Techniken quasi von der Couch aus seiner Lösung zuführt.

Bis dahin aber muss kein Leser Langeweile leiden. Eher zuviel des Guten hat Rubenfeld in sein literarisches Debüt verrührt. Genaue Orts- und Zeitbeschreibungen, einen Querschnitt durch die New Yorker (High) Society, die ablehnende Haltung maßgeblicher universitärer Kreise der USA gegenüber Freud und seinen Schülern, Skandale und Skandälchen, wie sie damals die Gazetten füllten und vieles, vieles mehr - manches davon freilich gar zu lose mit der Haupthandlung verbunden. Ganz abgesehen von Exkursen zu bekannten Freudschen Themen wie dem Ödipuskomplex oder der Hamlet-Interpretation und einem gerüttelten Maß an Action ober- und unterhalb der Erde.

Fazit: Wer diesen Roman liest, wird sicher nicht dümmer. Und er wird sich, bis auf ganz wenige Längen, ausgezeichnet unterhalten fühlen. Prodesse et delectare also - kann man mehr verlangen vom literarischen Debüt eines Professors?

Dietmar Jacobsen

© TourLiteratur / Autor
Alle Rechte vorbehalten

Buchcover: © Wilhelm Heyne Verlag, München





Das Buch

Jed Rubenfeld:
Morddeutung. Roman.
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader.
München: Wilhelm Heyne Verlag 2007.
ISBN 978-3-453-26544-8
527 Seiten - EURO 19,95

Zum Autor
Jed Rubenfeld, Jahrgang 1959, Jura-Professor an der Yale University, lebt in New Haven, Connecticut. "Morddeutung" ist sein Debütroman.

Links zum Autor
Infos bei "Wikipedia" (engl.)
Knappe Infos bei "Yale Law School"
"Morddeutung" - Eine Site zum Buch

Der Rezensent
Dietmar Jacobsen, geboren 1953, Dr. phil., Literaturkritiker, Lektor, Korrektor, Dozent. Lebt und arbeitet in Erfurt.
Zur Website von Dietmar Jacobson

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