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Rezensionen > Tykwer, Tom: Das Parfüm (Filmkritik)

Warum Kubrick gut daran tat, sich nicht zu trauen
Über Tom Tykwers "Parfum"

Das Parfum, Deutschland 2006
Verleih: Constantin
Regie: Tom Tykwer
Buch: Andrew Birkin, Bernd Eichinger, Tom Tykwer
Kamera: Frank Griebe
Produzent: Bernd Eichinger
Darsteller: Ben Whishaw, Alan Rickman, Rachel Hurd-Wood, Dustin Hoffman, Karoline Herfurth, Corinna Harfouch, Jessica Schwarz, David Calder, Simon Chandler, Sian Thomas, Birgit Minichmayr u.a.


Die Hermeneutik lehrt uns, dass wir - so wir schon einige Jahre Lebenserfahrung haben und womöglich einmal zur Schule gegangen sind - Dinge nie an sich begreifen, sondern sie mit unserem bisherigen Wissen in Verbindung bringen und uns so ein ganz individuelles Verständnis der Dinge konstruieren. Und manchmal ist es bedauerlich, dass der eigene hermeneutische Zirkel schon so viele Runden gedreht hat, denn eine unverstellte, naive Betrachtung der Dinge wäre vielleicht vergnüglicher.

In diesem Sinne überlegte ich während der Filmvorführung, ob mir der Film vielleicht gefiele, wenn ich Patrick Süskinds Roman "Das Parfum" nicht oder wenigstens nicht so gut kennte, und ich versuchte, mich allein auf den Film als selbständiges Werk zu konzentrieren, mich von seinen Bildern gefangen nehmen zu lassen. Das gelang mir leider nur streckenweise; ich gebe aber zu, dass die überforderte Klimaanlage des Kinos sowie trotz eingangs erfolgter trickfilmischer Belehrung dudelnde Mobiltelefone dazu ihr Übriges taten. Natürlich haben Eichinger und Tykwer mit dem "Parfum" ganz großes Kino gemacht, das handwerklich überzeugt und beeindruckende Bilder von blühendem Lavendel, rothaarigen Schönheiten, fallenden Parfümtropfen oder von der Brücke stürzenden Häusern liefert. Natürlich haben sie keine Kosten und Mühen gescheut, um uns mit zweifellos aufwendig gestalteten Dekoren, Kostümen und Masken in die wahlweise duftende oder stinkende Welt des 18. Jahrhunderts zu versetzen. Dennoch: Eichingers und Tykwers Version der Geschichte Jean Baptiste Grenouilles ging nicht an mich. Das liegt zum einen daran, dass die Story vom psychopathischen Duftgenie ja im Grunde ziemlich platt und an den Haaren herbeigezogen ist, was mir klar wurde, als ich mich bemühte, nicht an das Buch zu denken. Das liegt auch daran, dass die visualisierte Story vom Duftgenie naturgemäß einiges Potential an unfreiwilliger Komik birgt, so sehr, dass Katja Nicodemus dem Film die Auszeichnung "Großes Nasentheater" zuerkannte ( DIE ZEIT Nr. 35, 24.8.2006). Schließlich liegt das auch daran, dass die Schnitte es dem Zuschauer kaum erlauben, in Ruhe seine olfaktorische Vorstellungskraft zu aktivieren. So viel zum Film als Film. Ansehnlich wohl, aber kein Meilenstein.

Der Film als Literaturverfilmung freilich ist gründlich misslungen. Das beginnt mit dem Hauptdarsteller Ben Whishaw, der zu seinem persönlichen Glück, doch zum Unglück des Films überhaupt nicht wie eine "grenouille", eine Kröte aussieht. Die ersten Einstellungen zeigen ihn im Gefängnis während seiner Verurteilung, also im letzten Teil der Geschichte. Damit gibt Tykwer der Handlung einen Rahmen, der Spannung erzeugt und den späteren Ausgang der Geschichte umso überraschender erscheinen lässt. Beliebter Trick auch in der Literatur, den Süskind in seinem Roman jedoch nicht nötig hatte, da er den Bogen von Anfang an mit einem Detail spannt, das im Film erst spät erwähnt wird, obwohl es für das Ende von entscheidender Bedeutung ist: Grenouille riecht nicht, er hat keinen Eigengeruch. Im Buch stellt das seine erste Amme fest, sie wähnt den Säugling daher vom Teufel besessen und bringt ihn ins Kloster. Diese hinreißende Szene haben Tykwer und Eichinger ausgespart, wie so einige andere. Besonders vermisst habe ich dabei den Marquis de la Taillade-Espinasse, der Grenouille nach dessen sieben Jahren im Berg für den Beweis einer schrägen wissenschaftlichen Theorie benutzt und mithin eines der komischsten Beispiele literarischer Zivilisationskritik ist. Der Film fügt der Geschichte aber auch Szenen hinzu, die es im Buch nicht gibt. Und schließlich verändert er Szenen in entscheidender Weise: Der Tod des Mirabellenmädchens wird auf der Leinwand als Versehen dargestellt, das Grenouille einen Augenblick zu bedauern scheint. Solche Regungen, für Süskinds Protagonist unbekannt, sowie auch die Musik verleihen der Verfilmung einen Hauch romantischen Kitsches, der in krassem Gegensatz zur Erzählhaltung des Buches steht. Und genau die ist es, die den Versuch, "Das Parfum" angemessen zu verfilmen, zum Scheitern verurteilt.

Es wurde schon viel spekuliert, warum "Kubrick sich nicht traute" (Die Welt, 18.10.2005). Doch das Problem besteht nicht darin, dass Grenouille kein Sympath ist oder die Macht der Gerüche darzustellen mit Bildern noch schwieriger ist als mit Worten. Denn die ironische Distanz zur menschlichen Kultur, die Süskind in der Erzählung nicht zuletzt mit seiner Sprache und zahlreichen Zitaten zum Ausdruck bringt, ist noch viel schwieriger auf die Leinwand zu bringen. Tykwer hat es nicht einmal versucht. Oder war es Absicht, dass ich die betörten Massen am Ende nur zum Lachen fand? Wie dem auch sei: Das Wesen des Romans, dieses Klassikers des postmodernen Skeptizismus, findet im Film nicht die mindeste Entsprechung. Eichinger und Tykwer sind grandios gescheitert.

Dennoch bin ich ihnen für diesen Film dankbar. Er führt den ultimativen Beweis, dass ein gutes Buch jedem audio-visuellen Schnickschnack überlegen ist, und sichert der Literatur so ihren kulturellen Stellenwert. Dafür war kein Euro zu viel.

Friderike Beyer

© TourLiteratur / Autorin
Alle Rechte vorbehalten

"Das Parfum" - Eine Inhaltsangabe bei ZDF.de
"Das Parfum" - Links beim "Hamburger Bildungsserver"
Patrick Süskind - Biografische Infos bei "rasscass"
Die Homepage von Regisseur Tom Tykwer

© Buchcover: Diogenes Verlag, Zürich

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