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Rezensionen > Vittachi, Nury: Shanghai Dinner

Vierter Auftritt Mister Wong oder Von gelben Flüssen
und weißen Elefanten

Nury Vittachis Krimi "Shanghai Dinner"

Nury Vittachi: Shanghai Dinner. Der Fengshui-Detektiv rettet die Welt. Roman.
Aus dem Englischen von Ursula Ballin.
Zürich: Unionsverlag 2007.
ISBN 978-3-293-00369-9.
318 Seiten. - EURO 19,90


C.F.Wong ist Fengshui-Berater. Und weil es mit der Lehre, die Harmonie in das Beziehungsgefüge zwischen Raum und Umwelt zu bringen verspricht, in Ostasien seit jeher prima läuft, hat er viel zu tun. Nun - im vierten Abenteuer, das der Leser gemeinsam mit ihm bestehen darf - sogar in China. Dort weht ein neuer Wind. Die Volksrepublik ist auf dem Weg zur Weltmacht und greift dabei auch wieder auf die Kräfte der Geister von Wasser und Luft zurück. Hier wurden sie schließlich entdeckt, ehe die Revolution glaubte, ohne sie auskommen zu können.

Also macht Wong, den merkantilen und sonstigen Verlockungen des aufstrebenden Marktes China folgend, ein neues Büro auf. In Shanghai natürlich, der Boomtown des Landes, wo es an jedem einzelnen Tag des Jahres einundzwanzigtausend Baustellen gibt. Auf der einundzwanzigtausenundersten findet er sich dann allerdings selbst wieder. Statt reicher Kunden klopft plötzlich die Abrissbirne an die Tür. Und einige schlimme Dinge nehmen ihren Lauf.

Wer die ersten Abenteuer des Fengshui-Detektivs kennt, weiß, dass Wong ohne seine junge Assistentin Joyce McQuinnie nur halb so vergnüglich und wahrscheinlich ein wenig trocken daherkäme. Mit 17 hat die Australierin bei ihm als Praktikantin angeheuert und seither sämtliche Fälle mit ihm zusammen gelöst. Vom Temperament her könnten die beiden nicht unterschiedlicher sein und der ausgeprägte Teenie-Slang, den Joyce bevorzugt, erschließt sich dem geldgeilen Geomanten nicht immer. Aber gerade das macht das merkwürdige Duo so liebenswert wie unschlagbar. Inzwischen jedenfalls ist die Assistentin des Meisters 19 Jahre alt und ihr Interesse gilt vor allem dem gut gebauten Vertreter einer Shanghaier Umzugsfirma. Doch auch diese Neigung hilft schließlich bei der Lösung eines Problems von gigantischen Ausmaßen.

Nury Vittachi (Jahrgang 1958), der in Sri Lanka geborene, heute in Hongkong lebende Kultautor, hat bei den aktuellen Abenteuern seines einzigartigen Detektivs erneut nicht mit den Zutaten gegeizt. Da gibt es ein amerikanisch-chinesisches Gipfeltreffen, auf das ein Anschlag geplant ist. Vegane Terroristen sind in der Stadt und protestieren gegen die Zubereitung von lebendigen Tieren für die Gaumen von Feinschmeckern dadurch, dass sie letztere genau die Qualen spüren lassen, die auch die Tiere zu erleiden haben, bevor sie in die Mägen der Gourmets wandern. Ein alter, müder, weißer Elefant tritt seinen letzten Gang an, zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Und letzten Endes geht es auch um die Uiguren, ein heute knapp sieben Millionen zählenden Turkvolk im Nordwesten Chinas, das immer wieder durch seine Unabhängigkeitsforderungen für Unruhen sorgt.

Dies alles wird erzählt mit einer Raffinesse, die sich sehen lassen kann. Geschickt sind die achtzehn Kapitel miteinander verzahnt, wird das bis hin zu den Nebenfiguren skurrile Personal platziert und miteinander in Berührung gebracht. Und doch bleibt, bei aller Betontheit einer auf die finale Katastrophe zueilenden Handlung, viel Platz für geschichtliche und kulturhistorische Details, die mit leichter Hand über den Text ausgestreut sind und den Blick des Lesers weiten auf die inneren und äußeren Widersprüche einer nur für den Fremden exotischen Welt voller seltsamer Gebräuche und schockierender Rituale.

Im zweiten Teil des Buches geht es dann im wahrsten Sinne um Sekunden. Aber je weniger davon übrig bleiben, umso mehr scheint sich die Erzählzeit zu dehnen. Wir erleben sozusagen einen Sprint in Zeitlupe. Und während den Figuren ständig vor Augen steht, dass in gut 20, 19, 18, 17 ... Minuten alles vorbei sein könnte, sieht sich der Leser noch mehr als hundert Seiten gegenüber, die er in dieser knappen Zeit bestimmt nicht schafft. Das ist ganz großartig - und irgendwie auch fengshuimäßig fernöstlich - gemacht: Der Unrast der Handlung entgegengesetzt wird die Ruhe des Lesens. Und wirklich kann uns ja nichts passieren. Wäre die Welt von Wong nicht gerettet worden, könnten wir ja nicht dasitzen und von der wahnwitzigen Aktion genussvoll Kenntnis nehmen. Warum also sich eilen? Dass es am Ende gut ausgehen wird, verbürgt ja schon die eigene Existenz im Augenblick der nachvollziehenden Lektüre. Also langsam, schön langsam, denn so ein gut gewürztes literarisches Menü bekommt man weiß Gott nicht alle Tage vorgesetzt.

Dietmar Jacobsen

© TourLiteratur / Autor
Alle Rechte vorbehalten

Homepage des Autors Dietmar Jacobsen:
www.text-und-web.de

Buchcover: © Unionsverlag, Zürich

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