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Rezensionen
> Manotti, Dominique: Roter Glamour

"... für die Frauen beginnt die Freiheit oft mit einem Verrat"
Dominique Manottis Krimi "Roter Glamour"

Nach dem überragenden Echo, das der zweite ins Deutsche übersetzte Roman von Dominique Manotti im vergangenen Jahr hervorrief - ein paar Kritiker brachten gar den Nobelpreis ins Spiel -, waren die Erwartungen bezüglich der "neuen Manotti" natürlich hoch. Nun muss man wissen, dass man es bei dem mit dem Deutschen Krimipreis / International als drittbesten Thriller des Jahres 2010 ausgezeichneten Buch beileibe nicht mit einem Debüt zu tun hatte. "Letzte Schicht" war bereits der siebente Roman einer Autorin, die relativ spät zur Literatur kam. All das, was ihn so überaus lobenswert machte, hatte also - außer harter Arbeit, den richtigen Lektüren und einem außerordentlichen Gefühl für die Sprache, das ihn meilenweit über Dutzendware erhob - auch eine bibliografische Vorgeschichte. In diese ordnet sich auch jenes Buch ein, das jetzt unter dem Titel "Roter Glamour" in der Reihe der Ariadne Krimis im Hamburger Argument Verlag erschienen ist. Es ist also keine im eigentlichen Sinne des Wortes "neue" Manotti, mit der der frische Ruhm der 69-jährigen Autorin auf dem hiesigen Buchmarkt flugs vermehrt werden soll, sondern eine schon etwas ältere. Das französische Original erschien 2001, die Geschichte, die erzählt wird, spielt Mitte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Dies nur zur Einordnung, nicht als Kritik an einer häufig anzutreffenden Verlagspraxis, die nach dem Erfolg eines bisher unbekannten Autors dessen sämtliche alten Schwarten ausgräbt und dem Leser damit suggeriert, der Mann / die Frau schriebe wie die Feuerwehr. Meistens geht dies übrigens schief, weil auch ein Schreiben seine Genese hat, sich ein Buch aus dem anderen entwickelt, Fähigkeiten und Fertigkeiten der literarischen Praxis sich perpetuieren, kurzum: ein früheres Buch in der Regel noch nicht die Reife besitzt, die man gerade an seinem aktuellem Nachfolger genossen hat. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel - aber ihre Zahl dürfte sich in Grenzen halten.

Warum die Ariadne-Frauen um Else Laudan dennoch Recht hatten, nicht auf die tatsächlich "neue Manotti" (sie erscheint erst im kommenden Herbst im gleichen Verlag) zu warten, sondern ihren Lesern erst einmal den vierten Roman dieser erstaunlichen Autorin zu präsentieren, besitzt zwei - durchaus honorable - Gründe. Zum einen greift die Autorin in ihrem unter dem Titel "Bien connu des services de police" 2010 in ihrer Heimat erschienenen aktuellen Thriller auf eine interessante Figur zurück, die sie in "Roter Glamour" einführt, nämlich die Polizistin Noria Ghozali. Zum anderen entzündet sich die mit Mord und Verrat reichlich angereicherte Handlung des Romans aus dem Jahre 2001 an einem für die seit 1981 die französischen Geschicke lenkenden Präsidenten Mitterrand nicht weniger gefährlichem Skandal wie jenem um die Privatisierung des Thomson-Konzerns, der 1996 die Gaullisten unter Jaques Chirac in die Bredouille brachte und den Hintergrund des Romans "Letzte Schicht" abgibt.

Diesmal ist es jedenfalls ein über dem Territorium der Türkei explodierendes Flugzeug voller Waffen, die ohne Zweifel für den Iran bestimmt waren, welches Unruhe auslöst. Denn bei der Fracht handelt es sich um veraltetes französisches Kriegsgerät, das unter tätiger Mithilfe von engsten Vertrauten des Präsidenten der Republik über verschiedene Tarnfirmen gewinnbringend an ein Land verscherbelt werden sollte, welches offiziell mit einem Waffen-Embargo belegt ist. Dass das den Sozialisten bei den im Frühjahr 1986 anstehenden Wahlen den Hals brechen könnte, ruft die verschiedensten Kräfte auf den Plan. Und schon bald wird es blutig.

In einem knappen, fast dokumentarischen Stil, der ohne viel Federlesens zur Sache kommt - deutlich spürbar sind hier schon die Sachlichkeit und Präzision, die "Letzte Schicht" dominieren, allerdings auch manieristische Übertreibungen, die das Lesen gelegentlich ein wenig anstrengend machen - verfolgt Manotti die Affäre. Politiker, Wirtschaftsbosse, Banker, Journalisten, Polizisten und Geheimdienstleute - sie alle treibt weniger die Suche nach der Wahrheit um, als ihr je eigenes Interesse. Man trifft sich in Bars, Kneipen und Nobelbordellen, über deren Betreiber höchste staatliche Instanzen ihre schützende Hand halten, politisiert und intrigiert, korrumpiert und - wenn es der Selbsterhaltungstrieb denn gebietet - mordet oder lässt morden.

Die Entscheidungsträger in Staat, Politik und Wirtschaft - bei Manotti sind sie durch und durch von Egoismus zerfressen, gewöhnt daran, dass, weil sie das Recht darstellen, sie selbst von demselben nicht betroffen werden können. Da hat jeder gegen jeden etwas in der Hand, sind die Tresore voll mit kompromittierendem Material gegen derzeit noch Verbündete, die aber bald schon zu Widersachern werden könnten. Ganz sicher hat sich die Autorin hier auch ihren Frust darüber von der Seele geschrieben, dass selbst diejenigen, denen sie einst anhing, weil sie von ihnen erwartete, dass sie die sozialen Veränderungen, von denen sie träumte, herbeiführen würden, sobald sie an die Macht kämen, just in dem herbeigesehnten Moment kläglich scheiterten. Heute sieht Dominique Manotti ihre gesellschaftlichen Träume von keiner Kraft innerhalb des Machtgefüges in Frankreich mehr repräsentiert.

Wo alle Täter sind, scheint es letzten Endes fast egal, ob die Personen noch mit ihrem eigenen Namen auftreten oder schlicht den Namen der Funktion erhalten, die sie innerhalb des Ganzen ausfüllen. Friedrich Dürrenmatt hat in seiner Erzählung "Der Sturz" (1971) die Einzelnen einer korrupten Machtelite einmal nur mit Großbuchstaben statt ihrer Namen auftreten lassen, von A bis P. Am Ende dieses die Mechanismen innerhalb einer Führungsclique genau beobachtenden Textes ist die Person A abgetreten, an ihre Stelle ist D gerückt, am System als solchem freilich hat sich nichts geändert.

So weit geht Manotti nicht. Ihr Präsidentenberater Bornand, die Bordellbesitzerin Mado, der Firmenchef Flandin, der vorgeschoben wird im Deal mit den Iranern, und der libanesische Banker Karim, welcher Bornands Geldgeschäfte im Mittleren Osten tätigt, ja selbst Präsident Mitterrand, der immer die Ohren vor dem verschließt, was ihm Unannehmlichkeiten machen könnte - sie alle treten unter eigenen Namen auf. Und gehen - wie Bornand - mit ihm auch unter. Doch hinter all den Namen verbergen sich keine unterschiedlichen Charaktere mehr. Und wie die zersplitterte polizeiliche/ geheimdienstliche Exekutive - für die deutsche Übersetzung ihres Romans hat Manotti es für richtig befunden, in einer Vorbemerkung die Organisation der französischen Polizei in der Mitte der 80er Jahre schematisch darzustellen, ein Morast, in dem -zig Dienste mehr gegen- als miteinander arbeiten -, lässt sich ihr Wollen auch nicht mehr auf ein definierbares Ganzes hin erfassen, sondern zerfällt in lauter Einzelinteressen.

Einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, stand in "Letzte Schicht" die prachtvolle, kräftige, mich an einige Frauengestalten bei Zola erinnernde Arbeiterin Rolande Petit gegenüber. Und auch in "Roter Glamour" ist es wieder eine junge Frau, die aus dem Rahmen fällt. Die aus dem Maghreb stammende Polizistin Noria Ghozali ist schon deshalb die heimliche Hauptfigur dieses Buches, weil sie Persönlichkeit besitzt und nicht wie ein Automat nur nach ihren Vorteilen schnappt. Allein die Eingangsszene des Romans, ein brutales familiäres Setting, aus dem Noria ausbricht, um ihre eigene Lebenschance zu suchen, ist die Lektüre des ganzen Buches wert. Mit ihr ist Manotti schon 2001 vollständig auf der Höhe ihres Könnens. Das man mit einer schlichten Formel so beschreiben könnte: Gesellschaftliche Brisanz plus stilistische Präzision plus glasklare, illusionslose Zeitanalyse ergibt die Romane von Dominique Manotti.

Dietmar Jacobsen

© TourLiteratur / Autor
Alle Rechte vorbehalten

Lesen Sie auch Dietmar Jacobsens Besprechung von Dominique Manottis "Letzte Schicht"

Buchcover: © Argument Verlag mit Ariadne, Hamburg





Das Buch

Dominique Manotti:
Roter Glamour.
Deutsch von Andrea Stephani.
Hamburg: Argument Verlag 2011. (= Ariadne-Krimi. 1192.)
ISBN 978-3-86754-192-3
247 Seiten - EURO 12,90

Zur Autorin
Dominique Manotti (d.i. Marie-Noëlle Thibault), geboren 1942 in Paris. Sie studierte von 1960 bis 1966 an der Sorbonne Geschichtswissenschaften, unterrichtete danach in einem Gymnasium und wurde 1969 Assistentin für neuzeitliche Wirtschaftsgeschichte. Erst mit 50 Jahren begann sie Romane zu schreiben.

Links zur Autorin
Biografische Infos bei Argument
Dominique Manotti bei "Krimi-Couch"
Homepage der Autorin (frz.)

Der Rezensent
Dietmar Jacobsen, geboren 1953, Dr. phil., Literaturkritiker, Lektor, Korrektor, Dozent. Lebt und arbeitet in Erfurt.
Zur Website von Dietmar Jacobson

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