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Rezensionen
> Seghers, Jan: Die Akte Rosenherz

Cold Cases Unit
Jan Seghers Krimi "Die Akte Rosenherz"

Cold Cases - kalte Fälle - hat der dem Leser aus bereits drei Vorgängerromanen bekannte Kommissar Robert Marthaler als Chef einer neuen Abteilung der Frankfurter Kripo zu bearbeiten. Und gleich das erste ungelöste Rätsel, das ihm dabei auf den Tisch flattert, korrespondiert mit einem aktuellen Kunstraub, in den auch noch Marthalers langjährige Freundin Tereza verwickelt ist. Die vielen unsichtbaren Fäden, die Vergangenheit und Gegenwart verbinden, ein Kommissar mit menschlichen Schwächen und das urbane Milieu der Mainmetropole und ihrer Umgebung - das waren schon immer die Hauptzutaten, die der Frankfurter Autor Matthias Altenburg, der sich als Krimischöpfer Jan Seghers - was sich wohl einer Kombination aus Radsportbegeisterung und einem Faible für die deutschsprachige Weltliteratur verdankt - nennt, für seine Krimis verwendet. Und Publikum wie Kritik zeigten sich überwiegend dankbar dafür, dass sich endlich auch in Deutschland einer fand, der wie der Schwede Henning Mankell eine Melange aus Spannungs- und kritischem Sozialroman anzustreben scheint.

Diesmal also wird das Frankfurter Städel-Museum bei einem dreisten Überfall auf offener Straße um eines seiner schönsten Bilder gebracht: das "Paradiesgärtlein" des so genannten Oberrheinischen Meisters aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts. Und weil Marthalers schwangere Freundin Tereza damit beauftragt ist, das wertvolle Gemälde per Flugzeug zu einer Ausstellung nach Budapest zu begleiten, gerät sie in den Überfall und wird durch einen gezielten Schuss der Räuber schwer verletzt.

Der zweite Fall ist schon ein paar Jahrzehnte her und stellt eine Art Seitenstück zu dem bekannten Rosemarie-Nitribitt-Mord dar. Am 27. Januar 1966 wurde in Ihrer Frankfurter Wohnung die stadtbekannte Edelprostituierte Helga Matura durch zahlreiche Messerstiche getötet. Der oder die Täter sind bis heute nicht bekannt, über ihr Motiv / ihre Motive existieren zahlreiche Spekulationen. Jan Seghers verschiebt die Bluttat in den August desselben Jahres, macht aus Helga Matura Karin Niebergall und diese zu einer geborenen Rosenherz. "Die Akte Rosenherz" ist demnach jener Vorgang, der die polizeilichen und staatsanwaltlichen Ermittlungen von damals protokolliert und letzten Endes deren Scheitern festhält. Als Marthaler von einem Kleinganoven den Tipp bekommt, sich mit der knapp 40 Jahre alten Geschichte noch einmal zu beschäftigen, wenn er in seinen aktuellen Recherchen zum Raubüberfall im Stadtwald weiterkommen will, sind die archivierten Ermittlungsunterlagen allerdings nicht mehr auffindbar.

Geschickt verknüpft Jan Seghers in seinem vierten Marthaler-Roman Geschichte und Gegenwart. Da sein Kommissar über die Freundin Tereza - die überleben, aber das gemeinsame Kind verlieren wird - persönlich in den aktuellen Fall verwickelt ist, gilt er als befangen und wird von der Untersuchung abgezogen. Gut nur, dass sich zur selben Zeit von Hamburg aus eine junge Journalistin auf den Weg nach Frankfurt macht, weil sie in der Rosenherz-Geschichte ihre persönliche Chance, an die ganz große Story zu kommen, sieht. Bald sind sie und Robert Marthaler ein genauso schlagkräftiges Team, wie der das früher mit seinen Kollegen dargestellt hatte. Und als noch dazu herauskommt, dass sie die verschwundene Akte besitzt und mit deren Hilfe klar bezeugen kann, welche Untersuchungsfehler die Ermittlungen einst ins Leere laufen ließen, ist es nicht mehr weit bis zur Klärung beider Fälle.

"Die Akte Rosenherz" überzeugt durch glaubhafte Akteure, viel Lokalkolorit und eine spannende Handlung. Allerdings sind auch kleinere Unstimmigkeiten nicht zu übersehen. Und beim doppelten Showdown am Romanenende - nicht nur die ein bisschen zu diabolisch ausgefallenenen Täter von damals werden gestellt, sondern Marthaler steht auch erneut einem Feind aus den eigenen Reihen gegenüber, den er ein weiteres Mal zur Strecke bringen muss - wird für meinen Geschmack ein bisschen zu dick aufgetragen. Aber was zählt das schon angesichts so gut erfundener Gestalten wie der ehrgeizigen Zeitungsschreiberin Anna Buchwald, die mit Karin Rosenherz viel mehr verbindet als nur die Chance, mit Hilfe jener alten Geschichte ein paar Stufen die Karriereleiter hinaufzukommen. Und auch mit dem vom Leben enttäuschten und von der Zunft gemiedenen Ex-Staatsanwalt Traugott Köhler, dem obdachlosen Informanten Bruno Kürten, genannt der "kleine Bruno", oder dem für die Frankfurter Boulevardpresse tätigen Arne Grüter sind Seghers Figuren gelungen, die im Gedächtnis bleiben. Letzterer sogar ganz besonders, denn mit der Yellow Press hatte es Robert Marthaler bisher eigentlich noch nie.

Am Ende jedenfalls hängt das "Paradiesgärtlein" wieder an seinem alten Platz im Städel. Und auch Tereza ist, aus dem Krankenhaus entlassen, nach Hause zurückgekehrt. Dass Anna, die in der Zwischenzeit ein paarmal bei Marthaler übernachtet hat, nicht dessen Cousine ist, hat sie dem Freund schnell entlockt. Und übrigens sind die Eifersuchtsanfälle, die in jedem Seghers-Roman mal der eine, mal die andere erleiden müssen, wohl doch nicht mehr als ein die Leidenschaft beider am Leben haltendes Geplänkel. Das wird auch im fünften Roman so sein. Und vielleicht ist Tereza bis dahin sogar wieder schwanger.

Dietmar Jacobsen

© TourLiteratur / Autor
Alle Rechte vorbehalten

Buchcover: © Rowohlt / Wunderlich Verlag, Reinbek





Das Buch

Jan Seghers:
Die Akte Rosenherz. Roman.
Reinbek: Wunderlich im Rowohlt
Verlag 2010.
ISBN 978-3-8052-0848-2
476 Seiten - EURO 19,95

Zum Autor
Jan Seghers (d.i. Matthias Altenburg), Jahrgang 1958, Studium der Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte, zunächst Arbeit als Lektor beim Verlag der Autoren, seit 1996 freier Schriftsteller. Schreibt seit 2004 Krimis unter dem Pseudonym Jan Seghers.

Links zum Autor
Der Wikipedia-Eintrag zum Autor
Jan Seghers bei "Krimi-Couch"
Ein Interview im "Krimi-Forum"

Der Rezensent
Dietmar Jacobsen, geboren 1953, Dr. phil., Literaturkritiker, Lektor, Korrektor, Dozent. Lebt und arbeitet in Erfurt.
Zur Website von Dietmar Jacobson

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